Visionen von Drogeriemärkten und selbstverwalteten Huren

Weniger verschwurbelt als der in dieser Hinsicht allerdings auch Maßstäbe setzende Friedrich „Fön“ Borries formuliert „Bezirksbürgermeister“ Schreiber heute im Abendblatt seine Vorstellungen von St. Pauli 2021. Mehr als ein sozialdemokratisches Weiterso ist dem Text jedoch auch nicht zu entnehmen – bestehende Probleme und Konfliktfelder werden in Schreibers Vorstellungswelt nicht gelöst, sondern auf ziemlich schlichte Weise weggemenschelt: „weil sie schließlich doch gemerkt haben, dass die Liebe zu St. Pauli sie alle verbindet.“
Architektonisch setzt Schreiber auf Historismus und Weltkriegsrevision – das erinnert ein wenig an den frühen Prince Charles und dürfte zu (weiteren) Differenzen mit dem bekennenden Glas&Beton-Freund Jörn Walter führen.

Ernüchternd auch des Bezirksschreibers „Visionen“ für die Rindermarkthalle: zwei Supermärkte und eine Drogerie (Budni oder DM?) im hinteren Teil, vorne „eine Markthalle wie in Frankreich oder Amerika“ – ja, was denn nun, Markt oder Mall?
Sprachliche Entgleisungen à la „die Türken, die Afghanen, die was-weiß-ich“ bleiben diesmal aus, auch wenn Wendungen wie „aus aller Herren Länder“ nicht ganz frei von kolonialem und patriarchalem Hautgout sind.

Auffällig häufig erwähnt der Autor aufzugähnliche Automaten, die Rentner_innen, Autos oder ganze Clubeingänge in der Vertikalen bewegen – deutet sich hier eine gewisse Fußlahmheit Schreibers an, der doch laut Schlussabsatz den Ruhestand erst nach 2021 anstrebt?

Für die Zukunft St. Paulis im Allgemeinen und des Areals im Besonderen hat man wahrlich schon spannenderes gelesen…

Dieser Beitrag wurde unter Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.