Mit Datum vom 09.06.2010 findet sich auf der Webseite der „Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft“ ein „Positionspapier zur Musikhalle“. Die Initiative „die leute:real“, eine offene Gruppe von Anwohnerinnen und Anwohnern, die sich mit den Planungen für das Gelände der Alten Rindermarkthalle in St.Pauli beschäftigen, nimmt dazu wie folgt Stellung.
Wie schmerzhaft die Lücke ist, die die Hamburger Musikwirtschaft angesichts des Fehlens einer mittelgroßen Musikhalle spürt, wollen und können wir nicht beurteilen. Wir verspüren diesen Schmerz nicht.
Einig sind wir uns in der Bewertung, dass mit der vom Bezirk Mitte ausgelobten Machbarkeitsstudie die Pläne für eine Musikhalle in der alten Rindermarkthalle konkret werden – der Bezirk hat das bisher stets bestritten.
Die Gesellschafter der bereits gegründeten „St. Pauli Music Hall GmbH“ sitzen auch in Vorstand und Beirat der „Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft e.V.“ – dass wenigstens die potenziellen Betreiber_innen ihr Projekt gut finden, darf man wohl erwarten.
Die dürftigen eineinhalb Sätze allerdings, mit denen der Standort Rindermarkthalle als „die bestmögliche Wahl“ qualifiziert wird, können keinesfalls unsere Zustimmung finden.
Es mag außerhalb der Logik der vermarktungsfixierten Standortpolitik liegen, aber für uns ist das Gebiet, dessen wirtschaftliche Verwertung hier geplant wird, mehr als ein „freier Bereich“, mehr als die „Schnittstelle zwischen dem Schanzenviertel und der Reeperbahn“ – es ist unser Wohn- und Lebensraum.
Keineswegs wollen wir die Bedeutung St. Paulis für die Hamburger Musikszene schmälern. Die Clubs, die in der Vergangenheit oft genug durch eine ignorante Politik an den Rand der Existenz gebracht wurden, gehören ebenso zum Stadtteil wie die Vielfalt seiner Bewohner_innen.
Auch wir bekennen uns „zu Hamburg und seiner Musik“, allerdings dürfte die selbstlose Pflege der heimischen Musiklandschaft wohl kaum der Grund für Investitionen in eine Halle dieser Größenordnung sein.
Deren gewagte Umdeutung zu „eher einem Club“ ändert für uns nichts an der begründeten Befürchtung, dass es sich hier um einen Kommerz-Event-Standort handeln wird, der vorwiegend auf zahlungskräftige Besucher_innen aus dem weiteren Umland abzielt.
Die durch noch mehr Verkehr, noch mehr Lärm, noch mehr Laufpublikum belasteten Anwohnerinnen und Anwohner hingegen werden sich oftmals weder den Eintritt in die Konzerte noch die Preise der angeschlossenen Gastronomie leisten können.
Es zeugt von einer bestürzenden Phantasielosigkeit der hiesigen Veranstaltungswirtschaft, bei „Event“ nichts anderes denken zu können als St. Pauli – und bei „St. Pauli“ nichts anderes als Event.
Es ist das gleiche Horn, in das auch der HVV trötet, wenn er für Fahrten nach St. Pauli mit dem Spruch „von Landwehr nach Las Vegas ohne Umsteigen“ wirbt.
Abgesehen davon, dass Las Vegas die US-Metropole mit der höchsten Obdachlosen-Quote ist, lassen wir uns nicht auf das Klischee vom Vergnügungsviertel reduzieren.
Wir haben andere Bedürfnisse als die Eventwirtschaft, und ohne uns wäre das Viertel eine tote Kulisse.
Soll St. Pauli ein lebendiger Stadtteil bleiben, muss die Tatsache akzeptiert werden, dass seine Kapazitätsgrenzen als Eventstandort auch ohne Music Hall längst erreicht sind.
Für die Alte Rindermarkthalle fallen uns andere Nutzungsmöglichkeiten ein – günstige Wohnungen, Sporthallen, eine Musikschule, um aus dem Stand nur ein paar im Raum stehende Beispiele zu nennen.
Der Hamburger Musikwirtschaft indes wünschen wir für ihre Suche nach einem alternativen Standort alles Gute, damit sie bald schmerzfrei werde.


